Im Gespräch mit Andrew Chaikin

Andrew Chaikin ist weltweit einer der anerkanntesten Weltraumhistoriker und -autoren. Sein von Kritikern gefeiertes Werk „Ein Mann auf dem Mond“ (A Man on the Moon), eine ausführliche Schilderung der Apollo-Missionen zum Mond aus der Sicht der Astronauten, war Inspiration für das Drehbuch der zwölfteiligen Dokureihe „Von der Erde zum Mond“ (From the Earth to the Moon). Der Produzent war Tom Hanks. Ein weiterer Chaikin-Bestseller, „Stimmen vom Mond“ (Voices from the Moon), basiert auf seinen Interviews mit 23 der 24 Apollo-Astronauten. Chaikin, der Kenntnisse über die Apollo-Ära besitzt, sprach mit uns über die Folgen und die Bedeutung des für viele „größten Abenteuers der Menschheit.“

Nasa Andrew Ingalls
Quelle: NASA / Bill Ingals

Wie lässt sich Ihre Faszination mit der Geschichte der Raumfahrt erklären?

Ich war schon immer von der Vorstellung gefesselt, andere Welten zu bereisen. In meiner Jugend war das noch Science-Fiction, die aber in den Astronomiebüchern meiner Kindheit in verlockenden Bildern Gestalt annahm. Damals flogen gerade die ersten Astronauten ins All, und während meiner Grundschulzeit ging es mit den Gemini-Missionen los. Ich sah die erstaunlichen Fotos von Ed White bei seinen Spaziergängen im Weltraum und dachte mir „Das will ich auch“. Natürlich konnte auch ich die Apollo-Missionen zum Mond kaum erwarten. Als ich in die Mittelschule kam, ging es dann endlich los! Ich saß bei jedem einzelnen Flug gebannt vor dem Fernseher. Eigentlich wollte ich Planetologie studieren und mich für das Astronautenprogramm bewerben. Mitten im Studium wurde mir dann aber bewusst, dass die NASA mich wegen meiner unzureichenden Gesundheit nie und nimmer nehmen würde. Gleichzeitig wurde mir klar, dass mich die Planetologie zwar faszinierte, jedoch nicht mein Berufswunsch war. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich wusste, was ich mit meinem Leben anfangen wollte – ich wollte über die Erforschung des Weltraums schreiben. In den acht Jahren, in denen ich „Ein Mann auf dem Mond“ schrieb, wurde ich zum Weltraumhistoriker, und die stundenlangen Gespräche mit den Astronauten, den Fluglotsen, den Ingenieuren und den Wissenschaftlern des Apollo-Programms wurden zu einem fantastischen Erlebnis.

Die Astronauten von Apollo 8 sprechen von dem Telegramm, das sie nach ihrem Flug um den Mond von einem begeisterten Bürger erhielten: „Vielen Dank, dass Sie 1968 gerettet haben.“ Was bedeutete der Erfolg von Apollo für Amerika im Jahre 1969?

In gewisser Weise war die Reaktion des Landes auf Apollo 11 zutiefst gemischt. Alle waren über die Mission erstaunt, und während viele sie als ein Triumph für die Nation sahen, waren andere der Ansicht, dass man das Geld für andere Zwecke hätte ausgeben sollen, etwa zur Bekämpfung der Armut im Lande. Andere wiederum sahen die Mondlandung durch das Prisma des Vietnamkriegs – noch so eine teure Aktion der Regierung, aber eine, die große Proteste hervorrief. Dennoch war Apollo 11 ein enormer Erfolg für Amerika, der den Scheinwerfer auf die Talente, den Erfindungsreichtum und die Unerschrockenheit des Landes richtete. Für den Rest der Welt war das höchst aufregend und auch außerordentlich eindrucksvoll, und für einige Zeit schien dieser Erfolg das Gefühl einer nationalen Einheit zu vermitteln. Ich habe Geschichten von Mitarbeitern der NASA gehört, die in dieser Zeit im Ausland unterwegs waren und Menschen ihnen zuriefen: „Wir haben es geschafft“ – und nicht etwa „Ihr habt das geschafft.“

George Low - NASA
Quelle: Penguin Books

Gab es unter den vielen Führungskräften und Leitern der NASA, mit denen Sie sich ausführlich befasst und über die Sie geschrieben haben, einen Menschen, der den letztendlichen Erfolg von Apollo 11 maßgeblich beeinflusst hat?

Das war eindeutig George Low. Nach dem tragischen Brand, bei dem während eines Test-Countdowns die drei Apollo-1-Astronauten ums Leben kamen, übernahm er die Entwicklung des Apollo-Raumschiffs. Für Low war der Brand ein Weckruf für die NASA, mit weitaus größerer Sorgfalt und Disziplin als bisher zu arbeiten. Die Weltraumforschung verzeiht keinen Fehler, und jegliche Selbstzufriedenheit kann tödliche Folgen haben. Der Termindruck darf so etwas Entscheidendes wie Qualität und Sicherheit nicht gefährden. Er war ein brillanter Ingenieur und für mich der ideale Projektmanager – jemand, der Egoismus mit Demut ausgleicht, der versteht, dass nichts selbstverständlich ist, und der mit absoluter Leidenschaft und akribischer Sorgfalt jedes Detail berücksichtigt. Ich bezweifle, dass das Programm ohne die Führungsqualitäten von George Low und seine disziplinierte Vorgehensweise rechtzeitig wieder in die Spur gefunden hätte, um noch vor Ende des Jahrzehnts den Mond zu erreichen.

Wie sehr gefährdete die Tragödie von Apollo 1 das gesamte Mondprogramm? Gab es im Kongress Überlegungen, das Ganze abzublasen?

Gute Frage! Es gab bei der NASA nicht wenige, die befürchteten, der Kongress könnte das Programm beenden. Dazu ist es aber nicht gekommen, und ich weiß nicht, ob es diese Gefahr jemals wirklich gab. Alle wussten aber, dass sich das Programm keine zweite Tragödie würde leisten können. Und obwohl der Brand die erste bemannte Apollo-Mission um 20 Monate verzögerte, glauben viele Apollo-Veteranen, dass die NASA dadurch ihren Auftrag letztendlich ausführen konnte. Vor dem Brand hätte eine Vielzahl von Problemen behoben werden müssen, was dann aber versäumt wurde, weil die NASA unbedingt den von John F. Kennedy vorgegebenen Zeitplan einhalten wollte. Der Unfall bot eine Gelegenheit, die bestehenden Probleme zu beheben, und wie gesagt, die NASA war gezwungen, sich am Riemen zu reißen und der Tatsache ins Auge zu blicken, dass die Reise ins All keine Fehler duldet.

Wie lassen sich die Nachwirkungen der Arbeit von Wernher von Braun für Apollo beschreiben?

Wernher von Braun - NASA
Quelle: NASA

Nun ja, die von von Braun und seinem Team während des zweiten Weltkriegs entwickelte V-2-Rakete gab sicherlich den Anstoß zu unserer eigenen Raketentechnologie. Und natürlich war es von Brauns Jupiter C-Rakete, die 1958 den ersten US-Satelliten ins All beförderte. Dadurch gelang es ihm und seinem Team, ihren ambitionierten Plan, noch viel größere Raketen zu bauen, in die Tat umzusetzen. Die Krönung ihrer Arbeit war die Saturn V-Trägerrakete für die Apollo-Missionen. Sie war die Verwirklichung von von Brauns lange gehegtem Traum, Menschen in andere Welten zu entsenden – ein Traum, der Jahrzehnte älter war als die NASA. Ohne diesen Traum wäre das Ziel, in den Sechzigerjahren auf dem Mond zu landen, nicht erreichbar gewesen.

Wären noch mehr Flüge zum Mond oder zumindest die ursprünglich geplanten möglich gewesen, wenn sich der teure Vietnamkrieg nicht über so lange Zeit hingezogen hätte?

Eigentlich plante die NASA Mondmissionen bis Apollo 20. Daraus wurde aus finanziellen Gründen nichts. Es wird oft vergessen, dass sich Kennedy nicht besonders für die Raumfahrt interessierte, was er dem damaligen NASA-Administrator Jim Webb im November 1962 auch persönlich mitteilte. Ihm ging es darum, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges die Menschen in aller Welt für seine Ideale und die der Vereinigten Staaten einzunehmen. Nach dem Attentat auf Kennedy musste Johnson die Kosten des eskalierenden Vietnamkriegs in den Griff bekommen, die den Etat der NASA um ein Vielfaches überstiegen. Tatsächlich erreichte das Budget der NASA schon 1966, also mehr als zwei Jahre vor Apollo 11, den Höchststand. Schon vor dem Start von Apollo 11 sorgte sich die NASA um ihre schrumpfenden Ressourcen, weshalb die Behörde beschloss, die drei letzten Apollo-Landungen abzusagen. Außerdem wurden um diese Zeit die ehrgeizigen Pläne der NASA in Bezug auf Weltraumflüge nach dem Apollo-Programm vom Kongress und dem Weißen Haus abgelehnt. Natürlich war der Vietnamkrieg ein Faktor, aber die Realität sah so aus, dass eine Finanzierung der NASA auf dem Niveau der Apollo-Missionen aus wirtschaftlicher Sicht einfach nicht machbar war.

Wie beurteilen Sie die Schwerpunktverlagerung bei der Erforschung des Weltraums hin zu privaten, kommerziellen Unternehmen wie SpaceX?

Space X - NASA
Quelle: SpaceX

Man muss hier zwei Dinge klar auseinanderhalten. Private Unternehmen wie SpaceX sind darum bemüht, mit Passagieren den niedrigen Erdorbit zu erreichen. Bisher zumindest gibt es keine konkreten Pläne für private Flüge jenseits einer erdnahen Umlaufbahn. Die eigentliche Erforschung des Weltraums ist somit immer noch Sache der NASA, jedenfalls in der nahen Zukunft. Ungeachtet dessen bin ich von den Erfolgen von SpaceX mit seinem Dragon-Raumschiff und seiner Falcon-Trägerrakete beeindruckt – insbesondere von der Fähigkeit des Unternehmens, die Erststufe der Falcon mit einem Triebwerk wieder auf der Erde zu landen. Auch Blue Origin, ein Unternehmen von Jeff Bezos, leistet Bemerkenswertes. Dank der Startup-Kultur, die Unternehmen wie SpaceX und Blue Origin verkörpern, konnten beide mit einem unbeschriebenen Blatt Papier beginnen, auf dem sie neue Möglichkeiten skizzierten, um ihr „Weltraumding“ in Gang zu setzen. Genauso wichtig ist es aber, dass sie sich Fehler eingestehen, aus diesen lernen und dann dank neuer Innovationen Verbesserungen vornehmen. Das ist eine Freiheit, die sich die NASA einfach nicht nehmen kann, und auch nie nehmen konnte – selbst nicht, als sich das Raumfahrtprogramm noch in den Anfängen befand.

Werden wir noch einmal ein Weltraumprojekt wie Apollo erleben, das unser Land und die ganze Welt wirklich inspirieren, motivieren und begeistern wird?

Apollo wird immer eine der größten wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit sein. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass dieses Programm ein Wendepunkt der menschlichen Entwicklung war. Aber Apollo war insofern auch ein „historischer Glücksfall“, als die geopolitischen Spannungen zwischen dem Westen und der ehemaligen Sowjetunion in den Fünfziger- und Sechzigerjahren dem Wettlauf ins All den Boden bereiteten. Diese Situation wird sich aller Voraussicht nach nicht mehr wiederholen. Aber natürlich werden große Herausforderungen und große Erfolge im Weltraum oder auch in anderen Bereichen weiterhin jeden inspirieren, der diese mit eigenen Augen mitverfolgen darf.

Werden wir zu unseren Lebzeiten noch einen bemannten Flug zum Mars erleben?

Für mich ist das Entsenden von Menschen zum Mars der Mount Everest der Weltraumforschung. Dafür muss eine Unmenge von Problemen gelöst werden, wozu Gesundheitsrisiken, die Zuverlässigkeit des Raumschiffs und seiner Systeme sowie die enormen Kosten gehören. Wir erleben zwar zunehmende Fortschritte, aber eine bemannte Mission zum Mars wird sich nicht so schnell verwirklichen lassen wie das Apollo-Programm. Ich glaube schon, dass es dazu kommen wird, aber nicht in naher Zukunft. Als Armstrong und Aldrin auf dem Mond spazieren gingen, war ich 13 Jahre alt. Ich hoffe, die Rückkehr des Menschen auf den Mond selbst noch erleben zu dürfen, und vielleicht auch – wenn es denn möglich ist – seine Landung auf dem Mars.

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